Griechisch und das „Mainzer Modell“

„Unter allen Sprachen ragt das Griechische durch seine Gelehrsamkeit, seine Süße und Eleganz hervor. Der griechischen Sprache hat Gott das Neue Testament anvertraut; auch die frühen Kirchenväter haben sich ihrer bedient. Ohne die Hilfe der griechischen Sprache ist die Exegese des Neuen Testaments unmöglich, und es ist ein großes Unglück, wenn jemand sich allein auf Übersetzungen stützen muß, die häufig eher Verwandlungen als Interpretationen darstellen. Ja, wer überhaupt irgendeine Wissenschaft betreiben will, vermag das nur, wenn er zuvor das göttliche Geschenk dieser Sprache annehmen will. Wer sie verachtet, macht sich häßlicher Undankbarkeit schuldig; er begeht einen teuflischen Fehler.“

All diese Gedanken würden wir heute anders formulieren. Entnommen sind sie einer oratio de studiis linguae Graecae, die ein gewisser Philipp Schwartzerdt 1549 verfaßte, der seinen Namen aus Begeisterung für die griechische Sprache in gräzisierter Form zu führen pflegte: Melanchthon. Der Hinweis auf die Bedeutung der griechischen Sprache und Kultur war ihm eine Herzensangelegenheit. Melanchthon lehrte das Griechische im Sprachunterricht und stützte sich in seinen theologischen Studien auf profunde Sprachkenntnisse. Seine Hörer regte er an, das Erlernte in der Lektüre der klassischen griechischen Autoren stets zu vertiefen und sich immer wieder mit deren Gedanken auseinanderzusetzen.

Aber auch für die moderne Theologie sind Sprachkenntnisse ein tragendes Fundament, ohne das diese Wissenschaft nicht betrieben werden kann. Als Sprache der paganen Philosophie, als Sprache der griechischen Väter, vor allem aber als Sprache der Bibel ist das Altgriechische ein fester Bestandteil des theologischen Studiums.

Die Studentinnen und Studenten der Evangelischen Fakultät der Johannes Gutenberg-Universität haben die Wahl, ob sie sich auf das klassische Graecum vorbereiten und die Staatliche Ergänzungsprüfung ablegen oder ihre Griechischkenntnisse im Rahmen des „Mainzer Modells“ erwerben und in einer Universitätsprüfung nachweisen möchten. Dabei werden in der Ergänzungsprüfung Platontexte, in den Prüfungen nach dem „Mainzer Modell“ Texte des Neuen Testaments und der Kirchenväter übersetzt. Die Ausbildung der Sprachkenntnisse erfolgt im Rahmen von Semester- oder Ferienkursen, in denen zunächst basale Grundkenntnisse in griechischer Syntax und Grammatik erlernt werden. Diese Kenntnisse werden schrittweise erweitert, und die Studenten erwerben die Fähigkeit, auch kompliziertere griechische Syntagmen zu beherrschen. Im abschließenden Lektürekurs wird ein Thema über einen längeren Zeitraum behandelt. Dabei steht zwar das souveräne Übersetzen des fremdsprachlichen Textes im Vordergrund, doch wird auch auf die Interpretation der je nach Interesse der Hörer ausgewählten Texte eingegangen. Viele in den Lektürekursen behandelten Themen (z.B. die Platonische Seelenlehre) sind von der abendländischen Philosophie breit rezipiert worden; sie ermöglichen ein vertieftes Verständnis der christlichen Theologie und begegnen auch in anderen Kontexten immer wieder. Neben den Kursen erleichtern Tutorien und Extra-Sitzungen in den Semesterferien alle Phasen des Griechischlernens.

Die Qualität des Mainzer Griechischunterricht unserer Fakultät ist inzwischen deutschlandweit bekannt und Gegenstand zahlreicher Evaluationen gewesen. Besonderer Wert wird auf aktive studentische Beteiligung und auf eine einr angstfreie Auseinandersetzung mit der schon aufgrund ihrer Buchstabenformen zunächst fremd anmutenden Sprache gelegt. Die Methodik orientiert sich an antiken, im eigentlichen Sinne „akademischen“ Unterrichtsformen und hat der Dozentin zwei Lehrpreise eingebracht.

Auch wenn das Aneignen der grammatischen Kenntnisse im Vordergrund des Unterrichts steht, bieten alle Kurse auch Gelegenheit, ein vertieftes Verständnis für die griechisch-europäische Kultur zu gewinnen, in die Welt des philosophischen Denkens der Griechen einzutauchen und die Texte zu kennenzulernen, die grundlegende philosophische Diskussionen inspiriert haben und noch heute inspirieren – nicht zuletzt, weil man hier Zeuge des „Zaubers des Anfangs“ und der erstmaligen philosophischen und theologischen Auseinandersetzung mit Grundfragen menschlicher Existenz wird.

Dr. phil. Julia v. Schenck (Griechisch Dozentin)

Literatur:

  • Melanchthon, Oratio de studiis linguae Graecae, in: R. Nürnberger (Hrsg.), Melanchthons Werke. III: Humanistische Schriften, Gütersloh 1961, S. 135–148.
  • Scheible, s.v. Melanchthon, Philipp, 1497–1560, TRE 22 (1992), S. 371–410.
  • , Melanchthon. Vermittler der Reformation. Eine Biographie, München 2016.
  • Frank (Hrsg.), Philipp Melanchthon. Der Reformator zwischen Glauben und Wissen. Ein Handbuch, Berlin/Boston 2017.
  • Maier, s.v. Europa I–III 1, LThK3III (1995), Sp. 994–1000.