Das Projekt und seine Konzeption

Methoden / Ansatz

In der Exegese der neutestamentlichen Wunder war über lange Zeit vor allem die Frage nach der Einordnung des Phänomens in den antiken sozialgeschichtlichen und sozialanthropologischen Kontext vorherrschend. Ferner spielte seit der formgeschichtlichen Schule die Frage nach dem antiken literarischen und religiösen Kontext eine zentrale Rolle. Die Deutung der ntl. Wunder ließ hierbei meist apologetische Züge erkennen, indem man unter historischem Paradigma Erklärungen für die – nach modernem Weltverständnis – unzeitgemäßen Texte geben wollte.

Die Botschaft der Texte sollte hierbei nicht durch – sondern trotz ihrer historischen und literarischen Gestalt gefunden werden.

Unter Einbeziehung neuerer sprachwissenschaftlicher, insbesondere narratologischer, gattungs- und kommunikationstheoretischer sowie rezeptionsästhetischer Aspekte , soll ferner die Frage nach der Kommunikationsintention der Wundererzählungen und deren Potential für die Exegese der Texte in der heutigen Zeit im Zentrum stehen.

Wundererzählungen stützen sich in besonderer Weise auf kulturell eingeübte und tradierte Regeln des Verstehens, die eine bestimmte Kommunikationsabsicht transportieren und dadurch ihre Wirkung bedingen. Deshalb ist einerseits nach dem Wirkungspotential der Texte auf die Ersthörer, andererseits nach möglichen Verstehensangeboten im heutigen Kontext zu fragen. Dazu ist die neuere Forschung der sprach- und kommunikationswissenschaftlichen Fächer in die Exegese der neutestamentlichen. Wundererzählungen einzubringen.

Gattungsfragen und -begriffe

Die Wunderdeutung der form- und religionsgeschichtlichen Schule zu Beginn des 20. Jhs. stellte einen Neuansatz dar, als sie – auf den Arbeiten der Altphilologen Richard Reitzenstein und Otto Weinreich sowie des Theologen Paul Fiebig gründend – die Struktur antiker Wunderheilungen beschrieb und eine große Anzahl von gemeinsamen Motiven zwischen antiken und neutestamentlichen Wundergeschichten entdeckte. So zog z.B. Rudolf Bultmann hellenistische Parallelen als unmittelbares Vergleichsmaterial für die Beschreibung ntl. Wundererzählungen heran. Alfons Weiser, Gerd Theißen, Detlev Dormeyer und Werner Kahl haben in neuerer Zeit diese Struktur- und Motiv-Parallelen unter Aufnahme linguistischer und literaturwissenschaftlicher Methoden und Konzepte ausführlich beschrieben. Religionsgeschichtliche, formgeschichtliche oder auch strukturalistische Methoden treffen sich in der Beobachtung, dass besonders die ntl. Heilungserzählungen in Struktur und Motivik enge Parallelen zu hellenistischen Wundererzählungen aufweisen. Sieht man in der »Gattung« die aus dem Vergleich mit Paralleltexten zu erhebende überindividuelle Form, die Typizität von Textmerkmalen, so kann man festhalten, dass die Gattung »Heilungserzählung« kaum bestritten werden kann.

Eine Frontstellung gegenüber der alten formgeschichtlichen Schule nahm hingegen Klaus Berger ein, der – in Weiterführung der Klassifikation der Wunder als Novellen durch Martin Dibelius – die Existenz einer übergreifenden Gattung »Wunder/Wundererzählung« bestritt und das Wunder als »moderne Beschreibung eines antiken Wirklichkeitsverständnisses« bestimmte. Vorausgesetzt wurde hierbei jedoch ein Paradigma, das die Zuordnung von Texten zu Gattungen im Horizont eines normativen Klassifikationssystems betrachtet.

Die neuere Gattungstheorie (z.B. Rüdiger Zymner) hat unzweifelhaft deutlich gemacht, dass Gattungen nicht mehr als »normativ-apriorische Setzungen« betrachtet werden können, wie dies in der Zeit der normativen Gattungspoetik gesehen wurde. Jedoch kann die Existenz von Gattungen nicht radikal bestritten werden. Zymner betrachtet Gattungen als Teil einer hermeneutischen Praxis in Kommunikationsvorgängen. In Aufnahme dieses Ansatzes wäre zu fragen, unter welchen Bedingungen man von einer Wundererzählung sprechen kann, welches die kulturell eingeübten und tradierten Regeln der Sprachspiele sind, in denen man zur Zeit der Entstehung der ntl. Texte und heute über Wundererzählungen sprach und spricht sowie welche Funktion oder Kommunikationsabsicht mit dieser Klassifikation verbunden ist.

Die hier gewählte Definition der Gattung folgt nicht einer klassifikatorischen Gattungspoetik, die davon ausgeht, dass Gattungen als fixierte Textsorten existieren. Vielmehr sollen Impulse der neueren Gattungstheorie aufgenommen werden, die stärker von einem relativen und dynamischen Gattungsbewusstsein unter Einbeziehung der Kommunikationssituation ausgeht. Im Sinne eines synthetisierenden Konstruktivismus ist es deshalb möglich und sinnvoll von einer Gattung »Wundergeschichte/-erzählung« zu sprechen, die für das Kompendium folgendermaßen definiert wird:

»Eine Wundergeschichte ist eine faktuale mehrgliedrige Erzählung (a) von der Handlung eines Wundertätigen an Menschen, Sachen oder Natur (b), die eine sinnlich wahrnehmbare Veränderung (c) und vor dem Hintergrund der gewohnten Weltordnung Staunen und Irritation hervorruft (d), und textimmanent oder kontextuell auf das Einwirken göttlicher Kraft (e) zurückgeführt wird.

Textbasis

Analysiert wird die nach gängigem Konsens der neutestamentlichen Forschung die älteste literarisch belegte Fassung des Textes. Bei Q-Wundern wird die kritische Q-Rekonstruktion des internationalen Q-Projekts zu Grunde gelegt. Bei vielen Texten der apokryphen Apostelakten liegen keine aktuellen Editionen vor, so dass hier im Einzelfall die Quellenlage zu prüfen ist.

Auf diese Weise stellt das Projekt gerade im Bereich apokrypher Apostelakten (z.B. der Andreasakten) Pionierarbeit dar, da einige dieser Texte erstmals in deutscher Übersetzung dargeboten werden.

Adressat(innen)kreis und Stil der Darstellung

Das Kompendium soll wissenschaftlich höchsten Ansprüchen genügen und die aktuelle Forschungslage zu Wundererzählungen widerspiegeln. Dies muss jedoch nicht auf Kosten von Verständlichkeit gehen. So bemüht sich das Werk zugleich um verständliche Sprache und Darstellung, da es auch einen breiteren Leserinnen- und Leserkreis ansprechen soll.

Ertrag / Innovation

  • Erste umfassende Auslegung aller Wunder Jesu und der Apostel
  • Zusammenschau aller frühchristlichen Wundererzählungen unter Einbeziehung der apokryphen Evangelien und Acta;
  • Literaturwissenschaftlich präzise Deskription der Gattung Wundererzählung (jenseits von inhaltlichen Differenzierungen)
  • Einbeziehung neuerer sprachwissenschaftlicher, insbesondere narratologischer sowie rezeptionsästhetischer Aspekte in die Wunderexegese
  • Berücksichtigung von und Dialog mit englischsprachiger Wunderliteratur
  • Vermittlungsorientierte, hermeneutische Auslegung und Impulse für die Praxis der Auslegung (in Predigt, Unterricht etc.)