Das Fach hat die Aufgabe, diese Texte in den Zusammenhang ihrer Entstehungs- und Überlieferungszusammenhänge einzuordnen. Im Zentrum von Forschung und Lehre stehen dabei einerseits die ersten großen individuellen theologischen Leistungen – die Briefe des Paulus; die Briefe des Johannes, die Apokalypse und die Theologie der Redaktoren der Evangelien. Auf der anderen Seite soll die Rückfrage nach der Herkunft und der Funktion der vorkanonischen Überlieferungselemente beitragen zu einem möglichst differenzierten Bild der Frühphase der christlichen Kirche, ihrer theologischen Anliegen, der Ausbildung ihrer Christologie, der konfliktreichen Beziehungen zum zeitgenössischen Judentum und dem heidnischen Umfeld sowie des soziologischen Aufbaus der Gemeinden und der Ausbildung von Gemeindestrukturen.
Zum Gegenstandsbereich des Fachgebietes gehört damit auch der gesamte Bereich der Ereignis-, Sozial- und Religionsgeschichte des 1. und 2. Jh., von der Erforschung der Strömungen des damaligen Judentums über die Welt der hellenistischen Mysterienkulte und die Struktur der Städte, in denen die christlichen Gemeinden ihre Heimat fanden, bis hin zur römischen Rechtsgeschichte. Ein wichtiger Forschungsgegenstand des Fachgebietes ist beispielsweise die Beschreibung des jüdischen Umfeldes der frühchristlichen Gemeinden – von den Gelehrtentraditionen über die Gemeinschaft von Qumran bis hin zu den Texten des hellenisierten Judentums, auf denen in Mainz ein besonderer Forschungsschwerpunkt liegt.
Die historische Forschung hat zunächst eine distanzierende Wirkung. Die zumeist vertrauten Texte gewinnen damit ein neues, fremdes, aber auch überraschendes und nach methodischer Aneignung verlangendes Aussehen. Die Reflexion dieses Verfremdungsprozesses und der Methodik historischen Arbeitens an religiös relevanten Texten ist eine Aufgabe neutestamentlicher Hermeneutik. Diese hat weiter zu reflektieren, inwiefern das vielfältige Sprachpotential der neutestamentlichen Texte für die an das Neue Testament anschließende Entwicklung bis in die Gegenwart bedeutsam werden konnte.
Besondere Akzente werden in Mainz in der Erkundung der Evangelien, der Apostelgeschichte sowie der Paulusbriefe gesetzt, aber auch die übrigen Schriften des Neuen Testaments werden angemessen berücksichtigt. Die historische, literaturgeschichtliche und sozialgeschichtliche Einordnung wie die theologische Auswertung der Texte stehen dabei im Mittelpunkt. Die dafür notwendigen Kenntnisse des Griechischen können an der Fakultät erworben werden.
Einen weiteren Schwerpunkt auch der Lehrveranstaltungen bilden die Forschungsgeschichte sowie die neutestamentliche Hermeneutik, wodurch die gegenwärtige Relevanz der zu erforschenden Texte ausdrücklich thematisiert wird.
Es ist das erklärte Ziel, mit den Studierenden in ein intensives Gespräch über die Konstellationen und Inhalte des Neuen Testaments einzutreten. Daß ein solcher Diskurs auch weit über die Lehrveranstaltungen hinausreicht, ist für die Lehrenden dieser Fakultät selbstverständlich.